Gefährdetes Leben duldet keinen Aufschub

Vor einigen Monaten planten wir den Zwischenhaltgottesdienst am 15. März unter das Thema „S.O.S.“ zu stellen. Uns ging es da insbesondere um die Seenotrettung im Mittelmeer. Eine Rettungsweste wurde zu Beginn der Passionszeit an der Kanzel von St. Paulus angebracht, um an das tausendfache Sterben im Mittelmeer zu erinnern und an unsere Verantwortung und Solidarität.

In den letzten Wochen wurden wir in mehrfacher Hinsicht von den Ereignissen überholt. Zuerst verschärfte sich durch die Politik des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan die Lage an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland. Tausende Flüchtende harren in der Kälte unter unmenschlichen Bedingungen aus und werden mit maximaler Gewalt von griechischer Seite am Grenzübertritt gehindert. Gleichzeitig entwickelt sich die Debatte in Deutschland in Richtung einer „Koalition der Willigen“ insbesondere zur Aufnahme von unbegleiteten Minderjährigen in deutsche Kommunen.

In dieser Woche überschlagen sich dann die Ereignisse. Um die Ausbreitung der Corona-Infektion zu bremsen, steht das öffentliche Leben praktisch still und auch unser Gottesdienst wird, wie alle anderen auch, nicht stattfinden.

Das ist frustrierend für alle Beteiligten, die diesen Gottesdienst mit Liebe und Aufwand längerfristig vorbereitet hatten, sowie für alle, die daran teilnehmen wollten! Denn unser Glaube lebt in besonderer Weise durch die Gemeinschaft. Wir wissen aber, dass diese nicht aufgehoben ist, auch wenn wir nicht zusammen kommen können. Und aufgeschoben heißt ja nicht aufgehoben!

Was nicht aufgeschoben werden kann, sind die Maßnahmen zugunsten der Flüchtenden. Manch einer mag denken, dass jetzt Wichtigeres ansteht, aber davon kann man nur warnen! Menschliches Leid an einer Stelle zu ignorieren, um sich auf mögliches Leid an anderer Stelle zu konzentrieren, würde dazu führen, dass am Ende die Härte gegen die Flüchtenden als Grundhaltung stehen bleibt. Wer mit zweierlei Maß misst, wird am kürzeren Ende gemessen und kann damit nur verlieren.

So denken wir weiterhin an die Hilflosen und Verzweifelten, die in Lebensgefahr sind. Menschen fliehen, weil ihr Leben bedroht ist. Durch Seuchen wie Ebola, durch Bürgerkriege, durch Terror, durch die Verletzung grundlegender Menschenrechte, durch Hunger und durch Korruption. Was sie auch immer zur Flucht treibt: Niemand macht sich leichtfertig auf diesen gefährlichen Weg. Diese Menschen wollen Leben! Und sie suchen dieses Leben bei uns. Sie suchen das Leben – und finden den Tod. Sie ertrinken auf See. Und versinken im Vergessen. Sie werden zum Spielball der Mächtigen an der türkisch-griechischen Grenze.

In der Passionszeit erinnern die Christen an das Leiden und Sterben Jesu, der sich freiwillig an die Seite aller Leidenden gestellt hat. Das Leiden und Sterben im Mittelmeer und an der türkisch-griechischen Grenze fordert uns weiterhin als Christen heraus, ein Zeichen der Solidarität zu setzen, damit der sinnlose Tod ein Ende hat. Denn Jesus Christus ist durch den Tod zum Leben gekommen, damit dass sinnlose Leiden und Sterben nicht das letzte Wort hat!

Das gilt auch in Zeiten von Corona. Wir sind uns alle gegenseitig anvertraut und können diesen Auftrag nur glaubwürdig wahrnehmen, wenn niemand ausgeschlossen wird. Allen gilt das Wort Jesu aus Johannes 10, 10: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Wir stehen in der christlichen Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Ostern ist Protest gegen den Tod. Protest gegen jeden Tod, der vermeidbar ist. Christinnen und Christen können keinen Menschen dem vermeidbaren Tod überlassen. Das gilt für alle, sowohl für Menschen, die durch den Coronavirus besonders gefährdet sind, wie auch für die Flüchtenden, deren Leben unter unmenschlichen Bedingungen gefährdet ist – ohne Ausnahme.

Wilhelm Nordmann