St. Paulus

Abschied fällt schwer - machen wir was draus!

Plädoyer für eine mutige Abschieds-Kultur

Die alte Mutter ist gestorben, nach einem überaus erfüllten Leben. Sie war auch als Witwe selbstverständlich das Zentrum der Familie geblieben. Ihre Kinder waren alle in der Nähe, haben engen und guten Kontakt gehalten. Und Freunde hat sie auch gehabt, sie hat bis ganz zuletzt am Leben teilgenommen, Zeitung, Fernsehen, Theater genossen, Familienfeste mitgefeiert, und selbst kleinere Ausfahrten waren noch möglich gewesen. Es ist ein großer und guter Kreis von Menschen, ein Reichtum an Kontakten, Begegnungen und Erfahrungen, aus dem sie nun herausgerufen wurde.

Der Pastor besucht zur Vorbereitung der Trauerfeier die Kinder der alten Dame und hört das alles. Er ist beeindruckt von der großartigen Nähe, die in der Familie und dem weiten Freundeskreis gelebt wurde, auch von den teilweise ganz ungewöhnlichen Lebens-Stationen der alten Dame mit den dazugehörigen Anekdoten und Erinnerungen.

Und dann erfährt er, dass die Kinder – alles gestandene Leute über 50 – eine Trauerfeier im engsten Familienkreis planen. Sie wollen sich den vielen Menschen, die ihre Mutter betrauern könnten, nicht aussetzen. Und sind damit im besten Einvernehmen mit der Verstorbenen, die keine große Feier gewünscht hat – denn natürlich möchte niemand seinen Angehörigen zur Last fallen, schon gar nicht durch eine teure Trauerfeier und langjährige Verpflichtungen wie etwa die Pflege eines Grabes.

Aber welch große und einmalige Chance wird da vertan!

Ist es denn unsere Aufgabe, das Sterben eines Menschen so schnell wie möglich hinter uns zu bringen? Wollen wir die Anstrengung, die ein solch endgültiger Abschied uns zumutet, so weit wie möglich fernhalten? Fürchten wir uns angesichts des Todes eines nahen Menschen vor dem Verlust der Kontrolle über unsere Gefühle und Reaktionen?

Der Tod entzieht sich aber doch unserer Kontrolle! Er ist und bleibt die ultimative Herausforderung, und der Abschied von einem Verstorbenen ist und bleibt eine der großen Anstrengungen unseres Leben. Für die Bewältigung dieser Herausforderung sollten wir mutig alle Unterstützungs-Angebote annehmen, die wir finden können!

Es ist doch ein unschätzbares Privileg, dass wir – als einzige Lebewesen in Gottes gesamter Schöpfung – Riten und Gebräuche für den Abschied von einem Verstorbenen aus unserer Mitte haben!

Dazu gehört, dass wir alle zusammenrufen (ja: alle!), die zu dem verstorbenen Menschen gehört haben. Die Trauer gehört nicht exklusiv den Kindern oder dem Ehepartner! Auch die Freunde und Nachbarn wollen Abschied nehmen, den Verstorbenen auf seinem letzten Weg begleiten und gemeinsam mit den Angehörigen ihre bleibende Zuneigung und Ehrfurcht ausdrücken, vielleicht mit einer Blume, die sie auf den Sarg legen. Eine Trauerfeier mit vielen Besuchern ist anstrengend, ganz klar. Aber je mehr Anstrengung wir uns zumuten, desto weiter kommen wir voran auf unserm Weg durch den Abschied. Natürlich dürfen wir ein bisschen bange sein vor der Begegnung mit den Lebenden, die ein Verstorbener uns hinterlässt. Aber das sind doch Trauernde wie wir! Sie kommen auch, damit wir nicht allein sind, wenn vorne in der Kapelle der Sarg steht oder die Urne.

Der gemeinsame Gang zur Grabstätte ist eine großartige Chance – und einmalig dazu: Wir Weiter-Lebenden begleiten die sterblichen Überreste eines lieben Menschen zur letzten Ruhe. Wir legen sie in Gottes Acker und umhüllen sie mit unserer Liebe und Zuneigung – in Form von Erde, Blumen-Zweigen oder Blütenblättern, die wir in das Grab werfen: Ein letzter Liebes-Dienst ist das, den wir da gemeinsam vollbringen, je mehr von uns, desto schöner!

Warum muten wir uns das so ungern zu? Wir wollen offenbar die Veränderungen vermeiden, die der endgültige Abschied von einem Verstorbenen uns zwangsläufig bringt. Wir möchten, dass das Leben so weitergeht, wie es vorher war.

Das tut es aber nicht! Denn da fehlt ein wichtiger Mensch, der zu uns gehört hat.

Sich das einzugestehen und dann auch Gefühle zuzulassen erfordert einigen Mut. Aber es gibt ja bewährte Unterstützung für solche Lebens-Situationen – sie scheinen nur etwas aus der Mode gekommen zu sein. Die Begegnung mit den Mit-Trauernden ist solch eine Unterstützung, die Gestaltung einer Trauerfeier sowieso: Erinnerung an die Vergangenheit und Aussicht für die Zukunft, Einstimmen in die Klage und Hoffnung auf Trost und Zuversicht. Auch der gemeinsame Gang zum Grab und die Beisetzung gehört zu den Hilfs-Angeboten, die wir mutig annehmen sollten!

Dagegen ist die Beerdigung eines Verstorbenen im kleinen Kreis meist eine unvollständige und „halbe“ Sache. Sie mag die Bedenken und Empfindlichkeiten der Hinterbliebenen etwas schonen (und evtl. den Geldbeutel). Aber oft bleibt ein schales Gefühl zurück: Es sollte keine großen Worte geben – also auch keine großen Trost-Worte. Es sollte schnell gehen und wird zum Schnell-Schnell – bitte keine Zumutungen! Das Ergebnis ist dann manchmal doch armselig und wird jedenfalls dem Verstorbenen nicht wirklich gerecht. Und den Weiter-Lebenden eigentlich auch nicht: Es entgeht ihnen die einmalige Chance, sich aufgehoben zu fühlen in der Gemeinschaft der Trauernden und „Anschub“ zu erfahren für den Abschied.

Seien wir also mutig angesichts dieser letzten Herausforderung! Nehmen wir die Zumutung ernst, die der Tod eines Angehörigen für uns ist! Und nehmen wir die Liebe ernst, die uns und viele Weitere mit dem Menschen verbunden haben, von dem wir uns verabschieden müssen. Für diese Liebe müssen wir uns niemals schämen! Dass sie uns zu Tränen rührt, ist gut und nötig und hilft uns durch den Abschied hindurch. Gefühle zu zeigen ist ein Zeichen großer Souveränität, wenn sich in ihnen die Ehrerbietung und Zuneigung zeigen, die dem Verstorbenen weiter entgegengebracht werden.

Nur Mut! Durch den Abschied von einem lieben Menschen kommen wir besser hindurch, wenn wir uns auf etwas mehr einlassen, als wir uns zunächst vorstellen.

Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen, sollte es Sie betreffen!

Andreas Kern